Das ALLF / Machbarkeitsstudie "Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten"

 

Archiv für Lebenslaufforschung

Das Archiv für Lebenslaufforschung (ALLF) ging aus dem Sonderforschungsbereich 186  "Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf – Institutionelle Steuerung und individuelle Handlungsstrategien" (Sfb 186) (1988-2001) an der Universität Bremen hervor und wurde Ende 2001 in die neu gegründete Graduate School of Social Sciences, die heutige Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS), integriert. 2003 übernahm Dr. Andreas Witzel die Leitung des ALLF von Prof. Dr. Karl Schumann. 2010 ist das ALLF in Qualiservice, eScience lab an der Universität Bremen aufgegangen.

Das ALLF übernahm das qualitative Datenmaterial der Projekte des Sfb 186 und stellte es zur Sekundärnutzung zur Verfügung. Mit etwa 700 digitalisierten und anonymisierten Interviewtranskripten war das ALLF wohl das bundesweit größte Archiv qualitativer Interviewdaten aus den Sozialwissenschaften. Dieses Alleinstellungsmerkmal bestätigte im Jahr 2011 auch der deutsche Wissenschaftsrat. 

(Vgl.: Wissenschaftsrat, 2011: Empfehlungen zu Forschungsinfrastrukturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Empfehlung des Wissenschaftsrats Drs. 10465-11. Berlin. S. 57.)  

Das ALLF führte die qualitative Sekundäranalyse mit zahlreichen Publikationen als innovative Forschungsstrategie in die deutsche Scientific Community ein. Darüber hinaus entstanden Idee und Konzept für ein bundesweites Datenservicezentrum für die qualitative Sozialforschung ("Qualiservice"), dessen zentrale Grundlagen und Erfolgskriterien in der von ALLF und GESIS-Datenarchiv für Sozialwissenschaften gemeinsam durchgeführten DFG-geförderten Machbarkeitsstudie erarbeitet wurden.

In der Aufbauphase des Qualiservice kommt den Datenbeständen des ALLF eine wesentliche Bedeutung zu, um an ihnen die (weiter-)entwickelten Strukturen und Arbeitsroutinen der Datenaufbereitung und -bereitstellung zu erproben. Zugleich stehen diese Daten bereits für die Sekundärnutzung zur Verfügung (siehe Datenbestand).

 

Machbarkeitsstudie  

Qualiservice beruht auf den Erkenntnissen der 2003-2005 vom Archiv für Lebenslaufforschung (ALLF) in Kooperation mit dem Datenarchiv des GESIS Leibnitz-Instituts für Sozialwissenschaften bundesweit durchgeführten und DFG-finanzierten Machbarkeitsstudie zur "Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten".

Ausgangslage war die Feststellung, dass im Unterschied zu anderen Ländern, wie z.B. Großbritannien mit dem ESDS Qualidata, in Deutschland kaum qualitative sozialwissenschaftliche Daten archiviert und weiterverwendet werden. Dies steht: 

  • im Kontrast zum Bedeutungszuwachs qualitativer Forschungsmethoden in vielen Forschungsgebieten 
  • im Kontrast dazu, dass viele wichtige qualitative Daten (z.B. aufgrund von nicht vorhandenen Lagermöglichkeiten umfangreicher Datensammlungen in Papierform) verloren gehen 
  • im Kontrast zu den vereinfachten Möglichkeiten der Datenspeicherung und Datennutzung durch die Digitalisierung der Daten  

Der drohende Verlust von sekundär nutzbaren qualitativen Daten ist für sich schon ein zentraler Anlass für einen raschen Ausbau qualitativer Archive und Datenservicezentren. Darüber hinaus müssen sich zukünftige Infrastrukturen für Forschungsdaten mit ihren Dienstleistungsfunktionen an den Erwartungen der Forschenden orientieren, die qualitative Daten potenziell übergeben bzw. nutzen. 

In der Machbarkeitsstudie wurden Projektleiterinnen und Projektleiter qualitativ ausgerichteter sozialwissenschaftlicher Forschungsprojekte mittels einer schriftlichen Befragung sowie qualitativer Interviews als potenziell Datengebende und -nutzende befragt. 

 

Ziele und Arbeitsprogramm der Machbarkeitsstudie:

  • Bestandsaufnahme qualitativ ausgerichteter sozialwissenschaftlicher Forschungsprojekte der letzten 20 Jahre in Deutschland (beschränkt auf qualitative Interviewdaten) 
  • Ermittlung der Bereitschaft zur Archivierung bzw. Nutzungsüberlassung qualitativer Daten 
  • Einschätzung des Analysepotentials qualitativer Daten für Sekundär- und Vergleichsanalysen 
  • Befragung zu bisherigen Erfahrungen mit Sekundäranalysen eigener oder fremder Daten 
  • Befragung zur potenziellen Nutzung eines (bundesweiten) Archivs für qualitative Daten in Forschung und Lehre 
  • Entwicklung einer auf den Befragungsergebnissen aufbauenden Konzeption für ein nationales Archiv qualitativer Daten

 

Veröffentlichungen der Ergebnisse der Befragungen der Machbarkeitsstudie: 

  • Diane Opitz & Reiner Mauer (2005): Erfahrungen mit der Sekundärnutzung von qualitativem Datenmaterial - Erste Ergebnisse einer schriftlichen Befragung im Rahmen der Machbarkeitsstudie zur Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research, 6(1), Art. 43. http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-05/05-1-43-d.htm
  • Medjedović, Irena & Andreas Witzel. Unter Mitarbeit von Reiner Mauer und Oliver Watteler. Mit einem Vorwort von Ekkehard Mochmann (2010): Wiederverwendung qualitativer Daten. Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewtranskripte. Wiesbaden: VS. 
  • Medjedović, Irena (2011). Secondary Analysis of Qualitative Interview Data: Objections and Experiences. Results of a German Feasibility Study [45 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(3), Art. 10, nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1103104.